Leseprobe: „Keinen Schritt zurück!“

Sommer 1963….eine politisches Schmierenspiel von Florian Juterschnig….

Sommer 1963, die Republik der Freiheit, das ehemalige Königreich Bergen ist besiegt. Die Städte liegen in Trümmern, die Anführer sind tot, das Volk auf der Flucht vor sich selbst. Wie konnte es dazu kommen? Wie konnte in einem Kunst und Kulturstaat der Wahnsinn einziehen, ein Tobsüchtiger das Kommando übernehmen? Gehen Sie mit einem jungen Literaturprofessor der Bergen nach der Kapitulation einst besuchte dieser Frage nach.

Die Romane „Keinen Schritt zurück“ und „Der Festungskommandant“ geben Einblick, versuchen zu erklären. Begleiten Sie einen jungen Oberleutnant beim Versuch eine verschlafene Kleinstadt zur Festung auszubauen während er mehr und mehr am Militär zweifelt….oder sehen Sie das Leben und Sterben von Maggy Stuart dem Vagantenmädchen und Straßenkind, welches ihr vornehmes bürgerliches Leben in einer Eliteparteischule verlor als ihre Geschwister in den Widerstand gingen….

 

Leseprobe: „Keinen Schritt zurück!“

Am Anfang führten wir ein herrliches Leben. Wir zogen wie Vaganten durch dieses weite, uns unverständliche Land, dass uns so fremd geworden war. Wir schliefen in alten Bauernhöfen und Fabrikhallen, aßen was wir auf den Feldern fanden und nahmen was uns gerade gefiel. Diesen einen schönen Sommer lang von dem wir uns gewunschen hätten, er würde niemals zu Ende gehen. Ständig waren wir unterwegs, sprangen in jeden See an dem wir vorbei kamen, rauchten genüsslich unsere Mohnpfeifen in den Feldern und ließen die Wolken vorbei ziehen. Abends übernachteten wir bei freundlichen Menschen oder einfach unter dem großen Sternenzelt. Du warst meine Schwester und fast noch ein Kind. Eigentlich zu jung um all den Schrecken dieser bewegten Tage wirklich einzuordnen. Ich hatte gehofft meine Aufgabe immer auf dich aufzupassen auch wirklich erfüllen zu können. Ich habe bis zum letzten Tage gekämpft um dir ein besseres Leben ermöglichen zu können. Dann wurden wir getrennt….

 Ich stand an der Reling und sog genüsslich die salzige Seeluft ein, während das Postschiff auf dem ich mich befand, langsam in den Hafen von Strömstädt an der malerischen blauen Südküsten von Bergen einlief. Desto näher der alte und bis zum Rand mit Touristen gefüllte Dampfer der mächtigen aber nun sehr mitgenommenen alten Hafenmeile kam, desto eher schlotterten mir erbärmlich die Knie. Hatte ich nicht die Gelegenheit meines Leben wahrgenommen? Den Auftrag der mir die Karriere retten konnte und mir helfen würde eines der seltsamsten Kapitel der Weltgeschichte endlich zu verstehen.

Mein Ziel galt dem Bahnhof der alten Gartenstadt und einem jener begehrten Sonderzüge die den Ort meiner Sehnsucht auch in diesen Tagen noch anfuhren. Zwar hatte ich einige Karten genommen und für meinen Bericht an die Universität eine Rundreise quer durch dieses seltsame Land angedacht, doch in Wahrheit gab es für mich nur ein Begehr. Smarberg! Hauptstadt des Königreich Bergen, Hauptstadt der Republik der Freiheit, Höhle des Löwen, Ausgangspunkt des manifestierten Bösen. Dort war man vor 4 Jahren ausgezogen um die Welt zu erobern. Geblieben war ein Land in Asche. Die Verantwortlichen alle tot, die Bevölkerung von Bergen würde es wohl auch bald sein. Doch ich wollte verstehen. Was trieb ein Volk voller heller Köpfe, das einst in Kunst und Kultur die halbe Welt geleitet hatte in so einen Blutrausch der erst gegen alle anderen ging und am zur totalen Selbstvernichtung geführt hatte. Einen wirklichen Bahnhof traf ich in dieser Trümmerwüste nicht mehr an. Nach der malerischen Hafenmeile zog sich meine Strecke durch endlose Schuttberge immer näher zu der ausgebrannten Gusseisenkonstruktion die verloren in der nun weitgehend flachen Landschaft stand. Faschisten, Kommunisten, Dogmaten man konnte es nennen wie man wollte, hier regierten nicht einmal mehr die Besatzungstruppen, nur noch der Tod. Eine Lokomotive der bergischen Reichsbahn samt antiquierter Reisezugwaggons hatte man provisorisch weiß eingekleistert und mit Alliierten Fahnen behangen. Die Soldaten auf den Trittbrettern schienen das ziellose Gedränge auf dem Bahnsteig zu ignorieren. Zwischen nach Zwiebel stinkenden Arbeitern und schwanzenden Damen älteren Semesters eingezwängt bemühte ich mich durch die Fenster zumindest einen flüchtigen Blick der Gegend zu erhalten. Ein seltsamer Schimmer lag auf der eigentlich malerischen Tieflandebene die Bergen als Luftkurort einmal so berühmt gemacht hatte. Die meisten der Vierkanthöfe entlang der Bahn machten einen verwaisten Eindruck. Lieblich-helle Seen und rauschende Urwälder wechselten sich nun mit brüllendem sich selbstüberlassenem Vieh und endlosen Flüchtlingstrecks ab. In langen Reihen zogen rotgefrorene Kinder und schwerbepackte Mütter mit Pferd oder Handkarren gen Westen, ab und an ein Greis darunter. Das Meer aus abgeschossenen Flugzeugen und Panzerwracks gab ein stummes aber deutliches Bild davon was sich hier abgespielt hatte, nichteinmal hing ein Skelet am Fallschirm in den Kronen einer mächtigen Eiche. Die Alliierten ließen Teile der Strecke überwachen damit sich niemand an der Kohle die vom Zug fiel bedienen konnte. Sie selbst allerdings hatten überall bereits das zweite Gleis abgebaut. Mein Blick blieb immer wieder an den Flüchtlingen hängen. Wie sich diese armen, zerlumpten und völlig ausgehungerten Menschen mühsam vorwärts schleppten, die Gesichter ausgefallen und verstaubt, die Kleider hingen zerfetzt von dürren Leibern. Ich konnte gar nicht hinsehen wenn einer der

 Der Bahnhof hatte den Angriff augenscheinlich gut überstanden, außer ein paar mit Brettern verdeckte Stellen war nichts vorzufinden. Die Bahnhofsgeschäfte hatten geschlossen, die große Uhr war stehen geblieben, jemand hatte den berühmten Löwenkopf über dem Haupteingang abmontiert. Sie trat auf den Bahnhofsvorplatz. Von dem einstigen Park war nicht mehr viel geblieben auch die Häuserblöcke ringsum fehlten, hier war nun eine grießige freie, kahle Fläche die bereits eifrig genutzt. Links fuhren Lastautos, rechts hatten man gemeinschaftlich Gemüse angebaut, überall spielten Kinder mit den Trümmern. Es war ein herrlicher, wolkenloser Tag, zumindest hier in der Hauptstadt die noch vor kurzem Frontgebiet war schien man die eingekehrte Ruhe zu genießen. Die vielen freien Plätze und Flächen verliehen der einst so quirligen und lebhaften Stadt eine ganz andere Note, direkt fremdartig. Ich wanderte also einfach ziellos durch die Straßen, Schoß ab und an ein Foto, beobachtete Frauen die bereits fleißig Trümmer aufluden, die Besatzungssoldaten die durchwegs freundlich grüßten und natürlich die immense Zerstörung. Am ausgebrannten Regierungspalast zuckelte schon wieder die Straßenbahn entlang, eine Reise ins innere traute ich mir dann aber doch nicht zu. Mit etwas mehr Wehmut stand ich vor den Ruinen des Akademietheaters, der Perle der alten bergischen Schauspielkunst, Feuer aus den umliegenden Gebäuden hatte es nach der Kapitulation angesteckt. Bergische Feuerwehrleute und alliierte Pioniere hatten mit dem wenigen verfügbaren Gerät verzweifelt versucht gemeinsam den historischen Dachstuhl zu retten, vergeblich. Vielfach saßen die Leute einfach geknickt auf der Straße herum obwohl das Ende nun schon Woche her war. Sie ließen die Kopf hängen, lehnten oder saßen an Mauerresten, spielte gedankenlos mit Kieselsteinen herum. Bergen, Schutzmacht der freien Welt, wir halten Stand, war auf die Wand eines großen Wohnhauses gemalt worden. An der Ecke Walzenstraße sah man wie zwei, durchaus gutgekleidete Männer, im Kampf gegen den Hunger ein verendetes Pferd zerlegten. Bei einem Wohngebäude war nur die vordere Wand eingestürzt. Die Menschen in den verschiedenen Stockwerken lebten trotzdem weiter. Sie kochten, lasen Zeitung oder sortieren ihre Habseligkeiten, nur dass man sie dabei eben nun beobachten konnte. Ich ahnte nicht wie sehr sich ein gewisser Geist der Aufrichtigkeit und des Biedermeiers in diese Leute noch fressen würde. Überall in diesen Tagen Zeitungen lesend in der zerbombten Wohnung, mit Frack und Hut in einem Bahnhofsbunker die Kapitulationsmeldung horchend oder als braver Arbeitsmann über die Trümmer wieder auf dem Weg zu Arbeit und Brot, waren diese Menschen bereits das erste Anzeichen einer neuen Generation des politischen Biedermeiers und der Restauration. Man würde alles wieder aufbauen und sich in die Häuslichkeit des beginnenden Wohlstandes zurückziehen. Militär, Politik und die große weite Welt gingen niemanden mehr etwas an. Ruhe und Frieden, Arbeit und Brot, das würde das Credo einer ganzen Generation von Überlebenden werden. Vielleicht war der Schock auch nur so erträglich, vielleicht aber würde das ewige Schweigen der nächsten Generation viele Fragen aufgeben, bis zum nächsten großen Bruch. Doch noch war man im Sommer 1963, noch spielte das für jenen kleinen Jungen der in seinen kurzen Hosen über die Trümmerberge kletterte und seine Mutter die verzweifelt ihre wenigen Habseligkeiten auf einen Wagen lud keine Rolle. Noch war es wichtiger zu wissen wohin die ausgebombte Familie gekommen war und ob der Mann es geschafft hatte bei den Alliierten in Gefangenschaft zu Enden und nicht zur Zwangsarbeit nach Vimerby gekommen war. Nein die Menschen in Bergen hatten das selbst verschuldet, sie hatten die Politik Tobsüchtiger unterstützt, waren mitmarschiert und hatten niemals ernsthaft versucht diesen Unfug aus eigener Kraft zu Beenden. Vielleicht war es wirklich besser wenn man diese Leute ausradierte oder für alle Zeit an die Kette nahm. Plötzlich erschien mir Bergen wie ein Reich des Bösen. Im alten Kaufhaus Leebman hatte das Rote Kreuz Quartier bezogen. Endlose Schlangen von Frauen und heimgekehrten Soldaten standen bis auf die Straße heraus, jeder auf der Suche nach seinen Liebsten. Plötzlich griff mir jemand an die Manteltasche. Ich fuhr erschrocken, wollte schon nach der Polizei rufen, den vor den teilweise vor Hunger Wahnsinnigen hatte man mich gewarnt. Ich wandte mich um sah ein kleines Mädchen an meiner Tasche hängen, ich gab ein paar über den Zylinder und wollte schon weitergehen, während sie auf die staubige Pflastersteinstraße fiel. „Mach das noch einmal und es gibt einen Satz heiße Ohren“ rief ich ihr zu. Das Mädchen blieb einfach auf dem Boden liegen, da wurde mir doch etwas anders. „Ist dir denn was passiert Kind“ Ich half ihr auf. „Nein, nein es geht schon. Entschuldigen sie, dass ich stehen wollte, aber haben sie vielleicht etwas zu Essen?“ „Du weißt dass wir eigentlich nicht geben dürfen“ murmelte ich und gab ihr die Reste meiner Frühstücksbrote. Gierig schlang das Kind es sogleich hinunter. Sie war vielleicht 10 Jahre alt, knochendürr. Das Mädchen mit den struppigen roten Zöpfen, trug alte schwarze Stiefel und eine abgewetzten grauen Armeemantel, darunter ein schwarzes Kleid aus besseren Tagen. In ihr bleiches Gesicht wurde von einigen Sommersprossen geziert, der ausgefallene, fahle Blick versprach allerdings nichts Gutes. „Wieso musst du denn stehlen mein Kind, hast du keine Eltern mehr.“ Sie schüttelte betreten den Kopf. „Aber irgendjemanden musst du doch noch haben?“ „Ich habe meine Geschwister, die sind da drin“ Sie zeigte auf die Rot-Kreuzstelle „Aber das dauert noch sehr sehr lange, bis die zurück kommen.“ Irgendetwas schien nicht ganz zu stimmen, vor allem da sie zwar redselig aber irgendwie verschlossen wirkte. „Wie alt bist du den mein Kind? Wie heißt du übrigens.“ „Ich heiße…Maggy also eigentlich Margaret…Maggy Stuart und ich bin 13 Jahre alt.“ „Maggy? Ein englischer Name ist aber nicht gerade üblich für diese Breiten?“ „Das kommt von meinem Vater, der ist aus England gekommen. Er war Revolutionsoffizier“. Mit ziemlicher Sicherheit band mir diese Göre einen Bären auf um noch etwas zu Essen zu bekommen. Ihre ausgehungerten Eltern oder Geschwister hockten sicher um die Ecke und warteten schon gierig. Vielleicht gehörte sie auch zu so einer miesen Bande, sollte mit ihrer kindlichen Art die Leute weich machen, bekam selber nachher zur Not drei kleine Bissen. „ Ich bin Professor Plinius, ich bin aus Deutschland gekommen um zu sehen was hier passiert ist. Ich war vor vielen Jahren schon einmal in Bergen weißt du? Es ist schlimm…aber vielleicht kannst du mir ein bisschen was davon erzählen“. Sie blickte skeptisch hin und her. „Ja, ja das kann ich. Ich habe das Meiste selbst erlebt. Mit meiner Schwester wissen Sie? Wir waren Akademiedamen.“ „Jetzt reichts mir aber mit dir und deinen Lügenmärchen. Sie zu dass du verschwindest sonst ….“. „Sehen sie das? Das hat mir meine Schwester gemacht, damit wir uns auf unserer Reise nicht verlieren!“. Sie zeigte mir eine schlecht gemachte Tätowierung auf ihrem linken Unterarm, ein Kreis mit einem Punkt. Verwirrt wollte ich nun weglaufen. „Na gut mein Mädchen, ich hoffe das du mich nicht anlügst. Für Lügenmärchen und so ein freches Auftreten gehörst du normalerweise gezüchtigt, aber erzähl mir deine Erlebnisse, genau dafür bin ich hier hergekommen.“ Sie war beim Wort gezüchtigt reflexartig zusammengezuckt, was auch immer sie wirklich erlebt hatte, ich wollte es nun wissen. „Ich bin mit meiner Schwester gemeinsam auf der berühmten Mädchenakademie der Republik der Freiheit gewesen. Dann sind wir quer durch das Land geflohen, waren unter Soldaten, in Gefangenschaft und sogar vor Gericht. Nach Kriegsende sind wir hier her gekommen um zu sehen wie es jetzt weitergeht.“ „Habt ihr hier gelebt?“ „Ja …. Ich habe fast mein ganzes Leben hier in Smarberg verbracht….“ So begann Maggy Stuart mir ihre unglaubliche Geschichte zu erzählen, die mich noch auf Jahre beschäftigen sollte….