Text der Woche

Horst Hahn: Unter Umständen Unterhaltung

Das könnte unter Umständen Unterhaltung sein

wer ernst erscheint, hat nichts versäumt

was du heute träumst, hat mich erstaunt

was morgen kommt, regt dich jetzt schon auf

Hubert Hutfles: Der rote Faden

Nun sollte mein Leben doch einen roten Faden haben, so Schneider, mein ganzes Leben soll im Rahmen sein, wenn schon kein Sinn dahinter steckt. Wem sollte ich schon erzählen, was es heißt, verliebt zu sein,

Paul Eisenkirchner: die Blüten, das Blut

Der Körper am Boden gestreckt
Zwischen den Halmen ist das Gras grüne Luft
füllt die Lungen, ballt sich zu Worten
blau, Blase, blass, Blüte
bleib, bleib, Blei

Günter Schmidhofer: Eine kurze, belanglose Geschichte über ein kurzes Gespräch im Stiegenhaus.

Marvin Gaye ist nicht tot!

Er starb nicht am 1. April 1984, nein auf gar keinen Fall. Er plante seinen angeblichen Tod bis ins kleinste Detail (mit etlicher Unterstützung einer kleinen, angesehener Agentur die auf solche Fälle spezialisiert ist), und nun lebt er eine Türe von meiner Wohnung entfernt.

Marv (ich darf ihn so nennen) und ich sind Kumpels. Manchmal hocken wir gemeinsam vor der Glotze und stopfen uns mit Knabberzeug voll. Manchmal sitzen wir einfach nur so rum und quatschen uns die Ohren voll. So wie gestern.

Ich saß im Stiegenhaus, einfach so, ohne besonderen Grund. Ich saß da und beobachtete die Straße. Ich hörte wie jemand aus dem Lift stieg – Marvin!

Roland Köhler: Meerschweinchen

Ellie und ich hatten dieses Frühjahr beschlossen, unsere Zelte in einer kleinen südlichen Stadt am Meer aufzuschlagen und zufällig waren wir in Anidri gelandet, einem Ort in den Hügeln nahe der Südküste Kretas. Dort mieteten wir uns in einem kleinen Haus ein, nicht weit vom Ortszentrum entfernt aber doch weit genug, um ein wenig Privatsphäre genießen zu können.

Außerdem bot dieses Haus ein Gästezimmer, das uns in die Lage versetzte, Freunde zu beherbergen. Auch die eine oder andere spontane Reisebekanntschaft konnte bei uns einige Tage unterkommen.

Anfangs verstanden wir uns blendend und wir erlebten einen neuen Frühling nach den Jahren, die wir schon den Alltag in Berlin miteinander teilten.

Maximilian Huber: Die Riesenschlange im Sack gehabt und wieder herausgelassen

Paris – Ein Fest fürs Leben?

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   Der alte Hasenfranz war noch ein junger Bauer, als er in das internationale Reisebüro des Braunauer Unternehmers, des unaussprechlichen Schickelgruber, eintreten musste. Und so begab es sich, dass er sich 1939 als Adjutant des Hauptmannes Ernst Jünger, am Westwall gegenüber der Maginot Linie wiederfand. Adjutant war vielleicht etwas übertrieben ausgedrückt, er durfte aufgrund seiner beruflichen Vorbildung die Pferde des Kriegshelden füttern, tränken und bis zur Reinlichkeit streicheln. Und so verschlug es unseren Schwejk und seinen Dienstgeber nach Paris.

Horst Hahn: Das erste Buch aus ihren Händen

Es ist schon eine kleine Ewigkeit her, als ich mein erstes Buch aus ihren Händen empfing. Vieles von damals ist nicht mehr. Die meisten Handwerker wurden nicht mehr gebraucht, viele Fachgeschäfte verloren ihre Kundschaft oder schlossen ihre Pforten, weil niemand die Nachfolge antreten wollte. Die duftenden Backstuben sind längst für immer geschlossen, der Schirmhändler hat das Geheimnis seiner Kunstfertigkeit zwei Meter unter die Erde mitgenommen. Die Confiserie an der Ecke ist nur noch ein kleines Cafe. Es führt keine Süßigkeiten mehr.

Hubert Hutfles: Freitag der 13te

Freitag der 13te
Wie durch ein Wunder flog der goldene Luftballon über den Zaun in seinen Garten und trudelte zwischen den Bäumen dahin,  sank nieder auf Schneiders Augenhöhe, verhedderte sich in Zweigen, kratzte an Rinden und machte Blätter tanzend. Das ist reine Poesie, nein Liebe so er. Die Schneiderin bot ihm diesen Luftballon schon in aller Herrgottsfrühe an, als er um die Ecke bog auf seinem Spaziergang nach Irgendwo. Mit glänzenden Augen hielt er den Luftballon verschämt wie ein kleines Kind in Händen,

Paul Eisenkirchner: einmal noch: voll Leidenschaft

Jetzt hören Sie sich das einmal an: Der Klavierspieler, gleich zu Beginn, hat seine Finger verloren. Alle zehn auf einmal. Hätte er etwas zu diesem Vorfall sagen können, es wäre interessant gewesen – mit Sicherheit – aber er schweigt. Kein Laut über seine Lippen, nicht eine Melodie.
Dabei die Geschichte die es zu erzählen gäbe, wie schon gesagt, mit Sicherheit – ach, was sage ich?

Günter Schmidhofer: Saubad

Ich erinnere mich an warme Sommertage in denen wir jungen Menschen uns auf unsere alten und klapprigen Fahrräder setzen, unsere Badesachen samt einem Handtuch auf den Gepäckträger spannten und in Richtung Freibad fuhren.

Manche etwas ältere hatten bereits 10-Gangräder mit Sportlenker und zwei Bremshebel.

Wir kleineren hatten einen Bremshebel den wir aber nie nutzten, der junge Held benutze einfach die Rücktrittbremse und dies bevorzugt auf Schotter und Kies. Selbst auf heißem Asphalt war die Rücktrittbremse ein Statement, je länger der Gummiabrieb desto höher wurde der junge Primat von seinem Rudel geschätzt.